PS: Das Sorgen-Verstehen fällt mir schwer

Thomas Klyscz über das Bürgergespräch zum Thema „Asyl in Freital“

Thomas Klyscz

Thomas Klyscz

Das von der Freitaler Stadtverwaltung einberufene Bürgergespräch zum Thema „Asyl in Freital“ am vergangenen Dienstag im Freitaler Kulturhaus war angesichts des sich abzeichnenden Interesses seitens der Freitaler Bürger, sicher überfällig. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister und Landrat und dem Versuch, diskussionsvorbereitend Fakten und Informationen zur Rechtslage und aktuellen Situation in Landkreis und Stadt durch eine kompakte Präsentation durch die zuständige Sachgebietsleiterin des Landratsamtes einzubringen, war der Großteil der Veranstaltung durchaus den Fragen der Bürger gewidmet.

Diese machten dann auch hinreichend von der eingeräumten Möglichkeit Gebrauch.

Traurig fand ich den Umstand, dass die Zuhörer der Veranstaltung den Vorab-Ausführungen wohl nicht recht zugehört hatten. Insbesondere der Fakt, dass die aktuell thematisierte Unterbringung speziell für diejenigen gedacht ist, deren Antrag sich in Prüfung befindet.

Leicht verwirrt hat mich der für mich nicht zwingend erkennbare Kausalzusammenhang zwischen der „ferngesteuerten Weltpolitik“ durch die westlichen Imperialisten und den derzeitigen Bemühungen der Stadt, geeigneten Wohnraum für die zugewiesenen Asylbewerber bereitzustellen. Auch die Empfehlung des Landrats, ggfs. zur Reduzierung des „Zustroms“ von Asylbewerbern das Grundgesetz ändern zu lassen war genauso wenig hilfreich, wie die Forderung aus dem Publikum, der Oberbürgermeister solle sich bei Land und Bund um Erleichterung kümmern.

Sauer gemacht hat mich die absolut unangemessene „Diskussionskultur“ einer erkennbar großen Gruppe von Teilnehmern, insbesondere in den hinteren Reihen des Publikums und die elenden Zwischenrufe, die meiner Ansicht nach nur in einer Rudelbildung so passieren: der Leitwolf schreit dazwischen und das restliche Rudel fällt mit hämischem Gelächter, Gegröle und/oder dumpf applaudierend mit ein.

Interessant fand ich die leicht anonymisierte Aufzählung, in welchen Straßen sich derzeit Unterkünfte für Asylbewerber befinden und auch den Umstand, dass die bisherige Unterbringung derart geräuschlos von Statten ging, dass dies für den allergrößten teil der Zuhörer vollkommen neu war. Aus welchem Beweggrund heraus sollen also zukünftig die potentiellen Nachbarn in Zukunft informiert (wohl eher gewarnt) oder gar um Zustimmung gebeten werden?

Verstört hat mich die sich im Publikum stetig wiederholende Artikulation des Unverständnisses, dass vornehmlich junge, gesunde, alleinstehende Männer aus „unseren Urlaubsländern“ hierherkommen und den Kriegsflüchtlingen die Plätze wegnehmen würden. Die sollen sich doch lieber dort wo sie herkommen um ihre Familien kümmern. Auch wenn die Erklärungen dazu schlüssig waren, muss man das nicht verstehen. Dann eben ohne Verständnis – das Recht auf die Prüfung ihres Asylantrags haben sie trotzdem.

Wütend gemacht hat mich schließlich die immanente Pauschal-Unterstellung, dass eine überproportional erhöhte Gefahr von den Asylbewerbern ausgeht – letztlich alle potenziell Kriminelle wären. Es fielen die Begriffe wie „Mord“, „Drogen“ und „Vergewaltigung“, oder die leicht hysterisch an den OB gerichtete Frage „Klipp und klar: Wie wollen sie unsere Kinder schützen?“.

Bürgergespräch

Das Podium beim Bürgergespräch zum Thema „Asyl in Freital“ am 03.02.15 im Freitaler Kulturhaus.

Letztlich musste ich die Veranstaltung, die durchaus auch erhellende und informative Momente hatte, doch mit einem Gefühl der Ratlosigkeit und des (zumindest partiellen) Fremdschämens obb des Verhaltens der „lauten Masse“ verlassen. Der Anspruch der Veranstaltung war, Bürger zu informieren und offene Fragen weitestgehend zu beantworten. Leider war die Informationsaufnahme bei einem großen Teil des „interessierten“ Publikums aufgrund betonierter, pauschaler Vorurteile und Ressentiments gar nicht möglich.

Die oft unqualifizierten Einwürfe, Vorwürfe und Unterstellungen als Sorgen der Bürger zu betrachten fällt mir schwer, da sich eben gerade nicht auf Fakten beruhen und in der Sache größtenteils komplett unbegründet sind. Berechtigte Sorgen dürfen sich Stadt und Landkreis machen, angesichts der in diesem Jahr erhöhten Anzahl an zugewiesenen Asylbewerbern, die angemessen untergebracht werden müssen.

Ich habe auch schon andere Veranstaltungen aus ähnlichen Anlässen besucht und muss feststellen, dass sich dieses Bild, betreffend Vorurteile, Unterstellungen und Diskussionskultur, dort genauso widergespiegelt hat. Das ist Freital in der Gesamtwahrnehmung also leider kein Einzelfall.

Hier noch ein Artikel und ein Kommentar der Sächsischen Zeitung zur Veranstaltung (hinter der PayWall)


In der Reihe “PS – Persönlicher Standpunkt” werden persönliche Ansichten und Meinungen von Mitgliedern des Ortsverbands oder von Mandatsträgern im Verantwortungsbereich des Ortsverbands zu ausgewählten tagespolitischen oder gesellschaftlichen Themen dargestellt. Diese geben nicht zwangsläufig die Meinung des Ortsverbands oder der Mandatsträger wieder.

Ihr Kommentar