PS: Gegen das Vergessen

Jörg-Peter Schautz

Freitals Zweiter Bürgermeister Jörg-Peter Schautz hielt im Rahmen der Kranzniederlegung anlässlich des Gedenktags zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 08.Mai 2018 in Freital folgende Rede:

 

 

 

Sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte,

sehr geehrte Frau Jurk und Mitglieder des Vereins „Das Zusammenleben“ e.V.,

sehr geehrte Damen und Herren,

heute vor 73 Jahren endete der letzte große Krieg in Europa. Unsere Gedanken sind bei allen Kriegstoten und Opfern von Gewaltherrschaft. Wir rufen uns in Erinnerung das sinnlose Sterben auf den Schlachtfeldern Europas, des Nahen und Fernen Ostens sowie den Blutzoll in unzähligen Bürgerkriegen weltweit.

In Gedanken sind wir bei denen, die im Namen von menschen- und zivilisationsfeindlichen Ideologien dem Tod preisgegeben worden sind – gestern und heute!

Wir trauern um alle Menschen, die infolge von Kriegen zwischen den Völkern ihr Leben lassen mussten:

Seien es die Soldaten an den Fronten zwischen Atlantik und Kaukasus, die für den Überlegenheitswahn eines Diktators umkamen,
seien es die Frauen, Mütter und Kinder, die im Bombenhagel über Europas Städten ihr Leben verloren, von Trümmern begraben und im Feuersturm auf den Straßen verbrannt, seien es die Menschen, die wegen ihrer Rasse, ihrer politischen, gesellschaftlichen oder sexuellen Orientierung erst gesellschaftlich ausgegrenzt und dann gepeinigt, gequält und getötet worden sind,

seien es die mutigen Frauen und Männer, die nicht den Blick vom Unrecht abwandten und tapfer ihre Stimme dagegen erhoben oder unter Einsatz ihres Lebens zur Tat schritten, um ihm ein Ende zu setzen.

Aus ihren Gräbern rufen sie uns zu: Macht nicht dieselben Fehler, die uns einst ins Verderben rissen. Lernt aus der Vergangenheit, und wendet Euch ab von Hass, Neid und Unmenschlichkeit.

Der Umgang mit dem 8. Mai, mit diesem historischem Datum gestaltet sich in Deutschland bis heute schwierig. In der rechten Szene wird der Tag für Aufmärsche genutzt, die häufig mit der Vehöhnung der Opfer des Nationalsozialismus einhergehen und einer nationalistischen Mythenbildung dienen. Burschenschaften und andere konservative Kräfte, aber auch viele ältere Menschen verbinden den Tag nicht mit dem Gedanken an Befreiung, sondern der deutschen Niederlage mit all ihren Folgen: Vertreibung, Besatzung, deutsche Teilung, Verlust von Heimat.

Die DDR folgte von 1950 bis 1967 dem sowjetischen Vorbild und feierte den 8. Mai als „Tag der Befreiung“. Sie knüpfte damit auch an ihren antifaschistischen Gründungsmythos an.

In der Bundesrepublik wurde daraus kein Feiertag, obwohl auch dort der Tag von symbolischer Bedeutung gewesen ist. So stimmten am 8. Mai 1949 Vertreter unterschiedlicher Parteien im parlamentarischen Rat für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Offiziell wurde der Tag aber bis in die 1960er Jahre eher beschwiegen. Als erster Bundespräsident hielt Gustav Heinemann 1970 an diesem Tag dazu eine Rede.

Spätestens seit der Rede Richard Weizsäckers von 1985 zum 40. Jahrestag des 8. Mai, gilt er auch in der Bundesrepublik als „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker schaffte mit seiner Rede zum 8. Mai eine neue Erinnerungskultur zu etablieren: er rückte den Fokus von Kapitulation und Niederlage auf Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus. Von Weizsäcker hat so dazu beigetragen, dass die Erinnerung an den Holocaust grundlegend für das deutsche Selbstverständnis geworden ist. Hierzu zitierte er in seiner Rede eine jüdische Weisheit:

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Wir brauchen das Erinnern, um nicht zu vergessen, wir brauchen das Erinnern, um unserer Zukunft willen.

Ein jeder von uns trägt Mitverantwortung für den Frieden auf der Welt.

Stellen wir uns dieser Verantwortung gemeinsam.

Dazu bemerkt Peter Weinholtz, stellvertretender Vorsitzender des FDP-Ortsverbands Freital-Wilsdruff:

Auch in Freital  liegen Zeugen des Leids, das insbesondere der Zweite Weltkrieg der Bevölkerung gebracht hat, miteinander in der Erde vereint. Opfer der Bombenangriffe auf Birkigt am 24.08.1944 und auf Potschappel am 14.02.1945 sind auf dem Döhlener Friedhof beerdigt. Dazu zählen neben vielen Freitalern unter anderem 43 männliche sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter/innen. Daneben befinden sich auch Gräber einheimischer Gefallener. Auch auf dem Friedhof Deuben sind viele Gräber von  Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter/innen zu finden. Sie starben meist in jungen Jahren.

Die zitierte Rede wie auch die noch sichtbaren Spuren der Opfer auf unseren Friedhöfen regen zum Nachdenken darüber an, wie wir heute miteinander umgehen wollen, im Kleinen wie im Großen: Sollen  Hass, Neid und Intoleranz wieder die Oberhand gewinnen  dürfen?

Wir Freien Demokraten sagen hierzu ganz eindeutig: NEIN!  Wir stehen für ein friedvolles, von Anerkennung des jeweils Anderen und gegenseitiger Toleranz geprägtes Miteinander und stellen uns jeglichem Versuch entgegen, die dadurch gewonnene Freiheit des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft über das für den Zusammenhalt der Gesellschaft und der Menschen nötige Maß hinaus zu beschränken oder gar das bisher Erreichte zu gefährden.  Lassen wir auch den künftigen Generationen friedvolle Chancen zur Entwicklung ihrer Anlagen und Möglichkeiten!

 


In der Reihe “PS – Persönlicher Standpunkt” werden persönliche Ansichten und Meinungen von Mitgliedern des Ortsverbands oder von Mandatsträgern im Verantwortungsbereich des Ortsverbands zu ausgewählten tagespolitischen oder gesellschaftlichen Themen dargestellt. Diese geben nicht zwangsläufig die Meinung des Ortsverbands oder der Mandatsträger wieder.

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