Rückblick zum VorStadtGespräch: Bildungssystem in Sachsen

Unter dem Titel „Vom PISA-Besten zum Mittelmaß – Wie kann Sachsens Bildung wieder Spitze werden?“ trafen sich der Ortsverband Freital-Wilsdruff und interessierte Bürger zum Austausch im Landgasthof Kaufbach.

Steffen Pabst

Steffen Pabst

Norbert Bläsner

Norbert Bläsner

Als überaus kompetenten Gast konnte Steffen Pabst gewonnen werden. Dieser ist unter anderem Vorstandsmitglied im Deutschen Philologenverband und Sächsischen Beamtenbund und stellvertretender Vorsitzender des Philologenverbands Sachsen. Ergänzt wurde die Gesprächsrunde durch Norbert Bläsner als Mitglied des Landesfachausschusses Bildung der sächsischen Freidemokraten und ehemaliger bildungspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion.

Sehr ausführlich konnten Ausführungen zu den neuesten Entwicklungen in der sächsischen Bildungslandschaft gemacht werden. Dabei sah er Licht und Schatten: Die kürzlich beschlossenen Kürzungen der Stundentafel (weniger Unterrichtsstunden als Vorgabe) wurden als nicht grundsätzlich falsch bewertet. Kritisiert wurde jedoch, dass der Beweggrund ausschließlich finanzielle Zwänge, das heißt der damit verbundene Wegfall von 800 kaum oder gar nicht zu besetzender Lehrerstellen war und das eigentliche pädagogische Konzept unbeachtet blieb. Erst jetzt nach beschlossener Kürzung werde der Lehrplan angepasst. Das ist schlicht die falsche Reihenfolge. Auch wurden die Lehrerverbände in die Entscheidungsfindung nicht involviert.

Die vorgegebenen, flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten für Schulleiter sind grundsätzlich als Element zur Stärkung der Eigenverantwortung und Schärfung des Profils für Schulen grundsätzlich zu begrüßen, bergen jedoch wiederum die Gefahr, dass nicht konzeptionelle Gründe, sondern finanzielle oder organisatorische Zwänge ausschlaggebend sein könnten. Ebenfalls kritisch bewertete Steffen Pabst die regelmäßig aus verschiedenen Richtungen aufkommenden Forderungen nach Einführung neuer, spezialisierter Schulfächer, wie z.B. Gesundheit, Verkehrserziehung, Wirtschaftskunde. Schule müsse zunächst allgemeinbildend wirken, wobei die geforderten Inhalte auch in den bestehenden Konzepten vermittelt werden könnten.

VorStadtGespräch

VorStadtGespräch zum sächsischen Bildungssystem

Das brennendste Problem in der sächsischen Bildungslandschaft sind noch immer die fehlenden personellen Ressourcen. Das seit ein paar Jahren praktizierte System der Quereinsteiger sei daher noch immer notwendig, da insbesondere außerhalb der Zentren eine ausreichende Versorgung mit ausgebildeten Pädagogen über aus schwierig ist. Wissensvermittlung, Fortbildung und Integration der Quereinsteiger in einen geordneten Schulalltag sind aber noch immer schwierig. Es müssen daher Anreizzsysteme aufgebaut werden, die frühzeitig Lehramtsabsolventen motivieren, auch in den ländlich geprägten Regionen einer pädagogischen Tätigkeit nachzugehen.

Auch die unterdurchschnittliche Ausstattung sächsischer Schulen mit Sozialarbeitern und Schulpsychologen wurde thematisiert. Lehrer sind regelmäßig neben deren eigentlicher Aufgabe der Wissensvermittlung mit der geeigneten Beurteilung und Behandlung von Schülern, die einer besonderen Behandlung bedürfen, überfordert. Dies ginge dann stets zu Lasten eben jener unterstützungsbedürftigen Kinder.

Das föderale System habe sich bewährt, es müssten aber dringend die Standards für die Erreichung der Hochschulreife angeglichen werden, um auch zukünftig eine Vergleichbarkeit der jeweiligen Abschlüsse in den einzelnen Bundesländern zu gewährleisten und Fairness z.B bei der Studienplatzvergabe wiederherzustellen.

Sachsen hat noch immer eines der besten Schulsysteme in Deutschland. Es besteht jedoch die Gefahr, dass der anhaltende Personalnotstand diese gute Ausgangsposition für eine weitere erfolgreiche Modernisierung ausbremst oder gefährdet.

Ein Gedanke zu “Rückblick zum VorStadtGespräch: Bildungssystem in Sachsen

  1. Das Vorstadtgespräch in Kaufbach entwickelte sich mit dem praxis-und schulbehördlich erfahrenen Steffen Pabst im Dialog mit dem bildungspolitischen Sprecher Herrn Bläsner als fachlich spannende Diskussionsbasis.
    Sachsens Lehrer sind mit den neuen Bedingungen zwischen Personalmangel, Stundenplanveränderungen und Seiteneinsteigern hochgradig bemüht und belastet, wenn es um geeignete Lösungsstrategien geht, bei welchen sie selbst mitgestalten möchten.
    Der 1. Platz Sachsens beim Schulranking zeigt bei differenziertem Hinsehen die hohe Förderkompetenz und auch Ganztagsbeschulung in Sachsen.Mit der Inclusionsdebatte ist ein Umdenken und “ Voneinanderlernen“ durch die Debatte um das Bundesverfassungsgerichtsurteil zwingend (vielleicht auch „Hals über Kopf“??) in Gang gesetzt.:
    Das Zukunftsziel ist gut, heißt nun verbindlich: „Wir lehren unsere Schüler, dass jeder anders ist“ (übriens auch der ganz gesunde und ganz kluge Schüler!!!).
    Nachdenklich sind beim genauen Hinsehen des Rankings die sogenannten“Abgänge“ (Schulflucht, Abbruch usw.) Da liegt Sachsen hinter dem Bundesdurchschnitt, besonders bei ausländischen Schülern zunehmend in der Statistik. Eine Orientierungshilfe wäre es auch, wenn Untersuchungen zur „Lehrergesundheit“ unter dem Aspekt der Risikobelastungsfaktoren im Vergleich zwischen den Bundesländern den sächsischen Platz bewusst machen.
    In Brandenburg laufen außer den auch in Sachsen eingesetzten Schulpsychologen, Sozialarbeitern zum Beispiel auch Modellversuche zum Einsatz von Gesundheitsfachkräften (school-nursing im Vergleich) für die vorbeugende Schulgesundheitspflege (das bedeutet zunächst nur dieAufmerksamkeit für bio-psycho-sozial günstigen Rahmenbedingungen im Schulalltag) Zum Besipiel ließe sich Therapieerfahrung von Physiotherapeuten präventiv für die „Gesunden Lebenswelten“ in Schule, Familie und Quartier nutzen (dieser Sach-und Fachverstand ist z.Zt. außen vor)..
    Das Recht, sich frei und unversehrt zu bilden, lässt sich vielleicht in Sachsens „Notzeiten“ der Gegenwart auch am Schulgesetz zwischen „Anwesenheitszwang“ (bis hin zur polizeilichen Durchsetzung und Ordnungsstrafen) und „Bildungspflicht“ (in einem veränderten gesetzlichen Rahmen) als FDP-Thema für Sachsen voranbringen!
    Danke also für den Anfang damit!

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